Von Lars Klemm, Dipl.-Restaurator (Lager- und Depotverwaltung), info@k3-artservices.de
Der Transport beinhaltet ein immens hohes Gefahrenpotential für die
Kunstwerke. Zu keinem anderen Zeitpunkt ist das Risiko einer Beschädigung
für ein Kunstwerk so hoch wie beim Transport. Da jedoch ein Ortswechsel
von Kunstwerken oft unvermeidlich ist, sollten Kunsttransporte akribisch geplant
und fachkundig ausgeführt werden. Wie wichtig präventive Schutzmaßnahmen
für die Kunstwerke bei Transporten sind, soll hier anhand der Vielfalt
möglicher Gefahren- und Schadensquellen erläutert werden. Auch einige
Verpackungssysteme, durch die sich im Vorfeld bereits Gefahren ausschließen
lassen, werden kurz skizziert.
In jedem Fall sollte man sich der Tatsache bewusst sein, das der Transport
eines Kunstwerks bedeutet, es aus seiner bisherigen mehr oder minder klimatisch
stabilen Situation in eine andere Umgebung zu verbringen. Die Zeitdauer und
die Bedingungen während des Transportes sind entscheidend dafür,
ob am Kunstwerk Schäden resultieren.
Verpackungssysteme
Die einfachste Art der Verpackungen ist das so genannte „Soft Packing“, wobei das Kunstwerk mit Verpackungsvlies (z.B. Cellulosevlies oder Polyestervlies), Seidenpapier (säurefrei) etc. verpackt wird und anschließend durch Folien, Decken oder Karton geschützt wird. Bei einem derart verpackten Gemälde sollten die Malschicht und der evtl. vorhandene Zierrahmen in jedem Fall mit Seidenpapier abgedeckt werden.
Die Malschicht wird so vor Verunreinigungen der Transportdecke oder der Luftpolsterfolie geschützt. An Luftpolsterfolie werden die einseitig genoppten Produkte verwendet, wobei die glatte Seite dem Gemälde zugewandt und die genoppte nach außen weist. Höheren Schutz vor mechanischer Schädigung bieten zusätzliche Boxen (oder Kisten), so genannte „Art Cases“. Diese „Art Cases“ werden von verschiedenen Kunstspeditionen standardisierte geführt. Sie lagern meist auf gefederten Rollen und bestehen aus mehreren abnehmbaren Einzelelementen aus Holzverbund.
Schadensquellen
Die Hauptgefahren, denen ein Kunstwerk auf einem Transport ausgesetzt ist, sind größere Schwankungen der Umgebungstemperatur und der damit bedingte Wechsel zu höherer oder niedrigerer relativer Luftfeuchte. Temperatur und Luftfeuchtigkeit stehen in unmittelbaren Zusammenhang.
Liegen beide in einem für das Kunstwerk ausgewogenen Verhältnis von 20°C und etwa 53 % relativer Luftfeuchte vor, sind Absorption und Desorption ausgewogen und vernachlässigbar. Das heißt, dass bei einem Materialverbund wie z.B. einem Gemälde, das aus verschiedenen hygroskopischen Materialien wie Holz, Leinwand und Farbschichten besteht, keine Schäden durch Temperatur und Luftfeuchtigkeit resultieren. Die relative Luftfeuchtigkeit, also die Menge des in der Luft vorhandenen Wassers, stellt für die Kunstwerke die größte Gefahr dar. Hierzu seien drei Beispiele genannt: Eine relative Luftfeuchte von über 75% bedingt bei einer Dauer von 48 h eine hohe Wahrscheinlichkeit von Schimmelbildung. Bei über 80% schrumpfen Gewebe wie Leinwände, Leim wird erweicht und verliert seine Klebkraft und die Bildung von Kondenswasser kann bei entsprechend niedrigen Temperaturen eintreten.
Diese für das Kunstwerk gravierenden Umstände können bereits bei einem kurzfristigen Anstieg der relativen Luftfeuchte eintreten. Eine relative Luftfeuchte von 30% und niedriger lässt Materialien steifer und spröder werden. Besonders nachteilig sind in diesem Fall kurze Wechsel zwischen hoher und niedriger Luftfeuchte, z.B. wenn eine Leinwand z.B. sich abwechselnd dehnt und schrumpft. Schäden wie Rissbildung in der Malschicht oder die Ablösung der Malschicht von der Leinwand sind die Konsequenz.
Andere Gefahren für das Kunstwerk, die bei einem Transport drohen, sind verglichen mit den erstgenannten relativ gering. Luftschadstoffe und Strahlung lassen sich durch die Verpackung weitestgehend isolieren.
Ein nicht zu vernachlässigender Gefahrenpunkt sind Stöße und Schwingungen als einmalige impulsartige Einwirkung, sowie als periodisch wirkende Kraft während des Transportes. Hier kann eine Stoß- und Schwingungsdämpfung des Transportfahrzeuges, also die Verwendung eines speziellen Transporters mit einer Luftfederung sowie die Entkopplung des Transportgutes von der Ladefläche Schäden vermeiden. Das verpackte Kunstwerk wird bei der Entkopplung nicht direkt auf der Ladefläche befestigt, sondern mit einer Konstruktion im Laderaum fixiert. Dadurch wird der Gefahr durch Stöße oder Erschütterungen vorgebeugt.
Natürlich steht dies im engen Zusammenhang mit der Zeit, also der Dauer, die ein Kunstwerk den Extrembedingungen ausgesetzt ist und in welchem Rhythmus der Wechsel stattfand. Ein abrupter Luftfeuchte- und Temperaturwechsel sorgt dabei für höhere Spannungen und Schäden als ein allmählicher. Um derartige Klimawechsel zu unterbinden, muss der Luftaustausch zwischen dem verpacktem Kunstwerk und der Umgebung minimiert werden. Nach heutigem Standard gelingt es nur mit Hilfe von Klimakisten, die Halbwertzeit der Temperatur und der Luftfeuchtigkeit in der Verpackungskiste so lange wie möglich konstant zu halten.
Sonderanfertigungen
Auch Sonderanfertigungen für Kunstwerke, die direkt für den Transport eines bestimmten Kunstwerks, häufig bei Plastiken, gefertigt werden, geben guten Schutz vor mechanischen Schäden, sind aber kostenintensiver. Beim Bau derartiger Verpackungen sind 'inerte', also chemisch inaktive Materialien zu verwenden, um die Migration von Chemikalien zu unterbinden. Je nach Anforderung wird auf Klimaschutz und Stoßdämpfung besondere Rücksicht genommen.
Zu exklusiven Sonderanfertigungen zählen auch so genannte Gemäldeboxen. Die Konstruktion ist auf die beste zu erzielende Stoß- und Schwingungsdämpfung ausgelegt. Das Bild wird mit Hilfe von Fixiereinrichtungen in einem Speicher fest und ohne Polsterung arretiert. Die gesamte Konstruktion ist wiederum schwingungsarm in einem Rahmen aufgehängt, wodurch sich die bestmögliche Ausnutzung der Massenträgheit und damit der Dämpfung ergibt.