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"Gott bewahre die Denkmäler von genialen Restauratoren". Der Wandel im Berufsbild des Restaurators

Von Sandro Weiss, Journalist, info@k3-artservices.de

Neuaufbau der Frauenkirche in Dresden - am 30. Oktober 2005 geweiht.
Renovieren – Restaurieren – Neu Schöpfen – Nachschöpfen
Der stetige Bewusstseins- oder Meinungswandel über die Erhaltung von Kunstwerken und Denkmälern vom 19. zum 20. Jahrhundert läßt sich aus der hohen Anzahl an Büchern, Streitschriften und Restaurierungsberichten ablesen. Vielfältige Fragen tauchen auch für den privaten Sammler und Kunstfreund auf: „Was ist Restaurierung eigentlich?“ oder „Wie soll ich mit einem neu erworbenem Kunstwerk umgehen?“
Die verschiedenen Überzeugungen widersprechen sich nicht nur, sie zeigen auch eine fortlaufende Entwicklung innerhalb der Denkmalpflege und damit in der Fachgeschichte der Restaurierung auf.

Das 19. Jahrhundert

Die Napoleonischen Kriege waren vorüber, in der sich anschließenden Säkularisierung waren Kirchen und Klöster enteignet worden. Sakrale Kunstwerke, wertvollste Reliquien und Kultgegenstände sowie Bücher und Handschriften von unschätzbarem Wert waren entweder zerstört, zweckentfremdet oder billig in den Besitz eines zunehmend erstarkenden und selbstbewusst auftretenden Großbürgertums gekommen. Damit war aber auch die Verantwortung für die Pflege und den Erhalt des Besitzes der ehemals herrschenden Klassen dem Bürger übertragen worden. Wie sollte er aber mit den neu erworbenen ‚Schätzen’ umgehen?
In England bemerkte bereits 1849 der englische Kunsttheoretiker John Ruskin (1819-1900) in 'The Seven Lamps of Architecture': „...kümmert euch um eure Denkmäler und ihr werdet nicht nötig haben, sie wiederherzustellen.“

Dies belegt, dass man sich der Problematik nicht nur auf dem Kontinent schon bewusst war. Die Engländer hatten wohl nach den Wirren des 17. Jahrhunderts und der Zerstörungswut Cromwells und späterer Ikonoklasten (Bilderstürmer) schon früher als die Kontinentaleuropäer Erfahrung mit Wiederaufbau und Restaurierung machen müssen. Nicht umsonst wird das Zeitalter nach 1660 die ‚Era of Restauration“ genannt, was nicht nur auf die Wiederherstellung der Monarchie anzuwenden ist.

Auf dem Kontinent machten die Immobilien zunehmend Probleme. Schlösser und Kirchen waren in den Wirren der Französischen Revolution und den darauf folgenden Kriegen zerstört oder zweckentfremdet worden. Ihr zunehmender Verfall drängte nach Lösungen: Abriss, Umwidmung, Wiederaufbau, Neubau – wie sollte man mit den Ruinen verfahren? Darin wohnen? Sie von Grund auf erneuern? Sie umbauen und dem Zeitgeschmack anpassen? Sie in den alten Zustand zurückversetzen?
Eugène Emmanual Viollet-le-Duc
Eugène Emmanuel Viollet-le-Duc (1814-1879), der bedeutende Architekt und erste ‚Denkmalpfleger’ Frankreichs, schärfte den Sinn seiner Landsleute für ihr ‚kulturelles Erbe’ entscheidend. Sein Diktum von 1869 macht aber auch deutlich, dass er sich der Zwiespältigkeit seines Tuns sehr wohl bewusst war:
„Ein Gebäude restaurieren heißt nicht, es zu unterhalten, zu reparieren oder noch einmal zu machen, es heißt vielmehr es in einem vollständigen Zustand wiederherstellen, der möglicherweise nie zuvor existiert hat.“
Die durch ihn so sensibilisierten Franzosen interessierten sich zunehmend – auch unter dem Einfluss des Romans ‚Paris, Notre Dame’ von Victor Hugo – für ihre ‚nationalen Denkmäler’.
Notre Dame de Paris - Fassade
Das neu erwachte Interesse an ihrem, von der Gotik geprägten, 'nationalen Stil', zeigte sich bei der Restaurierung des Städtchens Carcassonne, dem Schloss Pierrefonds, der Kathedrale Notre Dame de Paris und vieler weiterer nationaler Denkmale. Unter der Ägide Viollet-Le-Ducs wurden diese Denkmale zum Teil in einem gotischen Stil ‚nachgeschöpft’ , den es so nie gegeben hat.
Dennoch ist es dieses Bewusstsein der Geschichtlichkeit, der historischen Bedingtheit, was das 19. Jahrhundert von allen seinen Vorläufern unterscheidet.
Gespeist aus der organischen Geschichtsauffassung, der Vorstellung vom Blühen und Vergehen aller Kulturen und Völker, erwächst der Historismus, die Unterteilung der Geschichte in prägende Stile – die vorherrschende Geschichtsauffassung im 19. Jahrhundert.

Der berühmte deutsche Baumeister und Architekt Karl Friedrich Schinkel (1781-1841) sollte diese Haltung ebenso aufgreifen und in Preußen populär machen. Die neuerwachte Wertschätzung, die man nun den ‚alten’ Dingen gegenüber erbrachte, führte aber auch schnell zu Auswüchsen. Über Deutschland fegte eine ‚Purifizierungswelle’ hinweg, die an vielen Bauwerken teilweise irreversible Schäden verursachte.
Der Dom zu Speyer
In der irrigen Meinung, im romanischen Stil müssten Mauersteine sichtbar sein, schlug man den Außenputz des Limburger Doms ab. Der Dom zu Speyer wurde mit Gewalt ‚rück-romanisiert. In Bayern entledigte man sich der wertvollen barocken Ausstattung des Bamberger Doms. Auch die Münchner Frauenkirche blieb im ausgehenden 19. Jahrhundert vor der ‚ungehemmten Restaurierungswut’ nicht verschont.

Auch in England findet langsam ein Umdenken statt: Nationale ‚Denkmale’, ein neuer Begriff, sollten sogar durch die von William Morris (1834-1896) neu gegründete 'Society for the Protection of Ancient Buildings' vor dem Purifizierungswahn der älteren Denkmalschützer beschützt werden.

Das beginnende 20. Jahrhundert

Um die Jahrhundertwende meldete sich dann Georg Dehio (1850-1932), einer der großen Architekten und ersten Denkmalpfleger in Deutschland, bei der Diskussion um den Wiederaufbau des Heidelberger Schlosses zu Wort: Immerhin sei das Schloss von Ludwig XIV. zerstört worden, die Ruine gehöre somit seit Jahrhunderten zum gewachsenen Stadtbild.
Georg Dehio
Er vertrat vehement die Ansicht, dass man nicht einfach etwas wieder herstellen dürfe, sondern das Vorhandene erhalten müsse. In seiner Straßburger Rede von 1905 rechnet er mit dem Restaurationswesen des vergangenen Jahrhunderts, das bestimmt gewesen sei von „restaurierenden Pedanten, die im puristischen Sinn nach Stilreinigung und Stilverbesserung strebten“ ab.
„Wahre Denkmalpflege sei nicht Aufgabe für Künstler! (...) Gott bewahre die Denkmäler vor genialen Restauratoren!“
Vielmehr sei sie eine Aufgabe des künstlerisch und technisch Gebildeten. Diese sollten unterstützt werden von Künstlern und Technikern mit historisch-kritischem Denken vertrauten Archäologen und Kunsthistorikern.
Sein berühmtestes Postulat „Konservieren statt Restaurieren“ ist trotz seines Alters auch heute noch hochaktuell.

Der Kunsthistoriker Alois Riegl (1858-1905) vertrat ebenso schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Ansicht, dass sowohl die Hinzufügungen späterer ‚Künstler’, etwa die berühmten Feigenblätter über den damals als anstößig empfundenen Genitalien antiker Statuen, genauso zu einem Kunstwerk gehörten, wie seine natürlich erworbene Patina. Beides stelle einen neuen Teilaspekt eines Kunstwerks dar, füge ihm damit eine rezeptionsästhetische Komponente hinzu.

Für den heutigen Sammler ergibt sich damit eine grundlegende Frage: Was ist höher einzuschätzen: Der Alterswert oder der historische Wert?
Riegl gibt hier dem Alterswert als dem praktisch leichter durchzuführendem Prinzip den Vorzug.

Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg – ‚First Things First!’

Selbst die verheerenden Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg (1939 - 1945) konnten weder Dehios noch Riegels Forderungen und Anregungen zum Umgang mit Kunst und Denkmälern ganz über den Haufen werfen. Die flächendeckenden Bombardements hatten viele Städte soweit verändert, dass der Gedanke an „Konservierung“ zunächst einmal hintangestellt werden musste. Es war nicht mehr viel da, was man hätte konservieren können. Daher erhielt der Wiederaufbau das Primat. An Hand alter Fotos und alten Grundrissen wurden zahlreiche Denkmale rekonstruiert.
Die Frauenkriche in Dresden -Innenansicht der Kuppel
Beispielsweise wurden sowohl das Goethehaus in Frankfurt, die Residenz in München oder aber auch die kleine St. Anna Kloster Kirche stilgenau wieder aufgebaut. Eines der aktuellesten Beispiele ist die Dresdner Frauenkirche, deren Rekonstruktion am 30. Oktober 2005 geweiht wurde. Ziel war es ‚identitätsschaffende Kulturdenkmale’ wieder zu schaffen.

Es gab aber in der Nachkriegszeit auch andere Ansätze: Zusammen mit den Ruinen wurden ‚neue Denkmale’ geschaffen, die an die Zerstörungen durch Faschismus und Krieg dauerhaft erinnern sollten, wie beispielsweise die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche von Egon Eiermann in Berlin. Sogar der Wiederaufbau der Innenstadt Nürnbergs zugunsten eines ‚Mahnmals der Zerstörung’ wurde ernsthaft diskutiert.
Nach den Jahren des Wiederaufbaus, das Wirtschaftswunder hatte bescheidenen Wohlstand geschaffen, fand man erst wieder genug Zeit, sich in Deutschland Gedanken um die Restaurierung und auch Erhaltung von Kulturdenkmälern zu machen.
Cesare Brandi
Im Denkmaljahr 1975 finden besonders die Forderungen eines Italieners großen Anklang bei den jungen Verantwortungsträgern: Cesare Brandi (1906-1988), der Leiter des Istituto Centrale per il Restauro, wendet sich schon in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts das erste Mal direkt an den ‚Restaurator’. In seiner 1963 in Turin erschienenen ‚Teoria del Restauro’ fordert er eine wissenschaftlich fundierte Methodik bei der Behandlung von Fehlstellen in der Gemälderestaurierung. Sie entspringt der, in den fünfziger Jahren in Italien forcierten, sogenannten 'archäologischen Restaurierung', d. h., die Fehlstellen werden neutral, häufig zu ungunsten der ästhetischen Erscheinung eines Bildes, belassen. Risse in Fresken sollten nur mit Mörtel ohne Farbe geschlossen werden. Man entzaubere ein Bild nicht dadurch, dass man es als restauriert zeige.
Das von Brandi angestrebte Gleichgewicht zwischen der historischen und der ästhetischen Dimension eines Kunstwerks verlagerte sich somit in der Praxis oftmals zu Gunsten ästhetischer Überlegungen. Brandi begreift die Behandlung von Fehlstellen als gegenwärtiges Handeln, das nicht das Wesen des Kunstwerks betreffe, sondern nur seine Wirkung auf den heutigen Betrachter. Für ihn ist es legitim, die ‚Lesbarkeit’ dessen, was von einem Kunstwerk erhalten blieb, zu verbessern, wenn dabei jeder Zweifel über die Authentizität irgendeines Teiles ausgeschlossen ist. (Dazu mehr: ‚Ursula Schädler-Saub: Entwicklungen und Tendenzen der Restaurierungsästhetik’).

Für ihn sollte die Retusche nur durch ihre Auftragsart (‚Rigatino’ oder ‚Tratteggio’, also ihre Ausführungsarten, in kleinen Strichen oder in Punkten, die die Fehlstellen schließen sollten) erkennbar sein. Auf Entfernung jedoch sollten sie dem Betrachter ein geschlossenes Bild bieten.
Brandi ist hier also gewissermaßen auch auf einer Linie mit Riegel, wobei er den ästhetischen Gedanken weiter als dieser verfolgt. Konservieren, ja, aber auch die Aussage des Kunstwerkes muss ‚lesbar’, wie er es nennt, erkennbar sein.

Die Charta von Venedig im Jahre 1964 legte fürs weitere den Umgang mit Kunstwerken fest. Sie bildet die Grundlage der Staatlichen Denkmalpflege. Diese verschiedenartigen Denkweisen und Anschauungen veranschaulichen das Dilemma des heutigen Diplomrestaurators und verunsichern sowohl Laien als auch engagierte Sammler.

Restaurierung im 21. Jahrhundert - ein Diskusionsansatz

Das so genannte Prinzip des ‚nunc stans’, der weitere Verfall eines Kunstwerkes könne mittels moderner Konservierungsmethoden völlig gestoppt werden und somit der Ist-Zustand auf ewige Zeiten erhalten werden, entpuppte sich schon gegen Ende des 20. Jahrhunderts als Irrglauben. Ebenso gilt die statische Auffassung von Denkmalpflege, wie sie Dehio verstand, heute zwar als sehr erstrebenswert, aber in der Praxis als nicht realisierbar. Denn auch ‚Konservieren’ verändert und beeinflusst ein Kunstwerk.

Der jeweils herrschende ‚Zeitgeist’ fließt immer auch in die jeweilige Restaurierungspraxis mit ein. Und die jeweils aktuelle Rezeption wird immer auch vom jeweiligen Zeitgeist diktiert!

Wie soll sich nun der Sammler verhalten? Was erscheint nach dem Erwerb eines Kunstwerks als angebracht?
Rückrestaurierung - Entrestaurierung - Restaurierung der Restaurierung - Restaurierung und Eingriff ?

Fragen, die nur ein Fachmann und die Diskussion aller Beteiligten beantworten kann und sollte! Auch sollte man der Tatsache eingedenk sein, dass auch die modernste Restaurierungstechnik immer ein Eingriff in ein Kunstwerk darstellt.
Daher sollte jeder Eingriff gut überlegt und wieder reversibel sein.

Hintergrundinformationen zu diesem Thema:
Charta von Venedig
Die Denkmalschutzgesetzte der Bundesländer
ICCROM - International Centre for the Study of Preservation and Restoration of Cultural Property