Aufgeschlitzte Leinwände sind zwar von einem Künstlern wie Lucio Fontana gewollt. In den meisten Fällen ist der Blick durch das Bild jedoch unerwünscht.
Abb.1: Barnett Newman, Cathedra, 1951 Risse, Schnitte und Löcher in der Leinwand sind häufige Schäden an Gemälden. Ihre Ursachen sind vielfältig: Neben altersbedingtem Reißen (z. B. durch Oxidation der Leinwand) führt oft unachtsames Handeln (bei Transport, Hängung etc.), im schlimmsten Fall Vandalismus zu solchen Verletzungen. So attackierte zum Beispiel 1997 ein Museumsbesucher des Stedelijk-Museums/ Amsterdam das Bild „Cathedra“ (1951) von Barnett Newman mit einem Messer. Die Restauratoren sahen sich mit Schnitten von insgesamt 15 Metern Länge konfrontiert.
Abb. 2: Riss am Bildrand eines Gemäldes (Gemälderückseite) Verschiedene Wege der Restaurierung
Die Malerei wird bei einem Riss in der Leinwand unweigerlich beschädigt. Weitere Begleiterscheinungen können partielle Überdehnungen (Beulen) oder Verwerfungen der Leinwand, außerdem der Verlust von Leinwandgewebe sein.
Für die Restaurierung eines Risses stehen mehrere Methoden zur Verfügung. Diese finden je nach Art und Umfang des entstandenen Schadens Anwendung.
Im besten Fall ist die Verklebung der einzelnen gerissenen Leinwandfäden ausreichend. Bei einer solchen Rissverklebung ist der Riss anschließend selbst auf der Rückseite des Gemäldes nicht mehr sichtbar. Nach der Entfernung von Beulen, der Zusammenführung klaffender Risse, der Ordnung der Fadenenden und der Sicherung der Malschicht wird die gerissene Leinwand Faden für Faden unter dem Mikroskop verklebt (Einzelfadenverklebung). Fehlende Leinwandfäden werden ergänzt, fehlendes Gewebe neu eingefügt (Gewebeintarsie).
Abb. 3:Nach der Einzelfadenverklebung wurde dieser Riss (vgl. Abb.2) zusätzlich mit Fadenbrücken gesichert. Neben der Rissverklebung hat sich auch die Rissvernähung etabliert. Hierbei werden die Risse nach einem bestimmten Schema mit Nylonfaden und chirurgischer Nadel vernäht. Die Fadenenden werden anschließend verklebt/fixiert. Für diese Methode entschieden sich zum Beispiel die Restauratorinnen des Gemäldes von Barnett Newman.
Unter günstigen Voraussetzungen bietet die Verklebung oder Vernähung bereits ausreichend Stabilität. Befindet sich der Riss jedoch an einer besonders beanspruchten Stelle (z. B. am Bildrand) oder ist das umliegende Gewebe brüchig wird eine weitere Stabilisierung erforderlich. Diese kann zum Beispiel mit „Fadenbrücken“, über dem Riss verklebte Leinwandfäden (Abb. 2, 3) oder gegebenenfalls mit Gewebepflastern (z. B. einer feinen Gaze) erreicht werden.
Erst nach dem Schließen des Risses lässt sich der in der Malerei entstandene Schaden restaurieren. Das erfordert in der Regel Festigung, Kittung und Retusche der Malschicht.
Abb.4: Durch Stoßeinwirkung beschädigtes Leinwandgemälde im Streiflicht (Detail), die Leinwand ist gerissen und verbeult, die Malschicht weist Verluste auf. Das Verkleben und Vernähen von Rissen hat sich in der beschriebenen Form in den letzten Jahrzehnten zur vorherrschenden Technik entwickelt. Bis in die 1970er Jahre behalf man sich bei Schäden dieser Art mit einer Leinwanddoublierung (Aufdoppelung der originalen Leinwand mit einer neuen Leinwand) oder mit Leinwandflicken. Doch eine Doublierung ist ein schwerwiegender Eingriff in die Originalität eines Gemäldes, die es möglichst zu bewahren gilt. Leinwandflicken sind problematisch, da sie sich nach einiger Zeit meist auf der Vorderseite der Gemälde abzeichnen.
Heute ist eine Leinwanddoublierung nur dann notwendig, wenn die gesamte Leinwand fragil ist und den Anforderungen eines Bildträgers nicht mehr gerecht wird. Ein Riss im Gemälde ist nicht zwingend ein Grund für diese Maßnahme.
Abb.5: Nach Rissverklebung und Entfernung der Beulen (vgl. Abb. 4) kann mit der Restaurierung der Malschicht begonnen werden. Vorteile der Rissverklebung und -vernähung
Die diffizile Methode des Rissverklebens und des Rissvernähens hat viele Vorteile. Da der verklebte oder vernähte Riss nach der Restaurierung kaum sichtbar ist wird die Ästhetik der Gemälderückseite gewahrt. Aber nicht nur die sichtbare Leinwand, auch die typischen Eigenschaften eines textilen Gewebes (Beweglichkeit, Struktur) bleiben erhalten. Schließlich sind diese, genauso wie die Malerei und der Rahmen, als Teil des Kunstwerkes sinnlich wahrnehmbar.