Kunst sammeln

Kunst sichern

Kunst dokumentieren und kommunizieren

Kunstfälschern auf der Spur: Fälschungen enttarnen mit Hilfe naturwissenschaftlicher Untersuchungsmethoden

Von Fiona Seidler, Kunsthistorikerin, info@k3-artservices.de

Die Zahl der Fälschungen auf dem Kunstmarkt ist groß. Die Art und Qualität der Fälschungen ist jedoch ebenso vielfältig wie die Motivation der Hersteller von Falsifikaten und deren Händler. In unserem vorausgegangenen Bericht „Das echte Kunstwerk: Über den Mythos einer Sammlung ohne Fälschungen“ erhalten Sie einen kurzen Überblick über die Schwierigkeit der Definition des Begriffes ebenso wie über einige spektakuläre Beispiele aus dem Alltag des Kunstmarktes.
Untersuchung eines Gemäldes unter UV-Licht
Wie aber können Sammler und Kuratoren herausfinden, ob ein Werk authentisch ist oder nicht? Die Antwort darauf liegt heutzutage zumeist in dem gemeinsamen Vorgehen von Kunstexperten und Naturwissenschaftlern. Gerade bei Werken aus vorangegangenen Jahrhunderten kann zwar das Auge des Sammlers oder Experten getäuscht werden, jedoch verrät der Fälscher sich häufig durch Fehler beim Alterungsprozess oder den verwendeten Materialen (bei Gemälden z.B. Leinwand, Farben oder Bindemittel).

Die Möglichkeiten der Analyse

Je weiter die Forschung sich entwickelt, desto vielfältiger werden auch die Möglichkeiten, anhand naturwissenschaftlicher Analysen Auskunft über den Herstellungsprozess und – zeitpunkt eines Werkes zu erhalten. Die Anforderungen an den Fälscher werden somit immer schwieriger. Einige Labors haben sich auf die Enttarnung von Fälschungen spezialisiert wie beispielsweise das Forschungslabor Rathgen, Berlin. Dessen Direktor, Prof. Dr. Riederer, hat in den vergangenen 30 Jahren ca. 30.000 Objekte untersucht.
Robert Campin, Madonna mit Kind vor dem Ofenschirm, 1430
Gerade bei den naturwissenschaftlichen Untersuchungsmethoden zeigt sich, dass langjährige Erfahrung und eine hohe Zahl an Vergleichsdaten notwendig sind, um ein aussagekräftiges Ergebnis zu erhalten. Nicht nur detaillierte Kenntnisse der alten Herstellungstechniken – und materialien sind gefragt, um die aktuelle Analyse einordnen zu können, sondern auch eine umfassende Datenbank, in der sowohl echte als auch gefälschte Objekte erfasst werden. Das Forschungslabor-Rathgen hat sich aufgrund seiner langjährigen Erfahrung auf folgende vier grundsätzliche Untersuchungsmethoden spezialisiert:
Auf dem Röntgenbild zeigen sich die angesetzte Holztafel
1) Die Materialanalyse
Mit Hilfe von Durchstrahlungstechniken können viele gefälschte Objekte entlarvt werden. Röntgenstrahlen beispielsweise können vielfältige Hinweise auf die verwendeten Materialen eines Werkes geben. Bei dem Gemälde „Madonna mit Kind vor dem Ofenschirm“, Robert Campin zugeschrieben und angeblich aus dem Jahr 1430, hat eine Untersuchung mit Röntgenstrahlen Zweifel an der Authentizität aufkommen lassen. Der verwendete Malgrund - eine Holztafel - wurde im rechten Teil durch ein Holz minderwertiger Qualität ergänzt. Dieses war mit Wurmlöchern zersetzt, die mit Bleiweiß gefüllt waren. Die Röntgenstrahlen konnten nun die hohe Dichte des Bleis nicht durchdringen und zeigen deutlich das ergänzte Stück Holz. Die Urheberschaft wird nun in Frage gestellt, da kein renommierter Renaissance-Künstler, auf einer derart minderwertigen Holztafel gearbeitet hätte.

Wenn mit UV-Licht beschienen, fluoreszieren die Materialien in bestimmten Farben und geben Auskunft über die Materialzusammensetzung. So können bei Gemälden Übermalungen, Retuschen und Ergänzungen durch ihre violette Färbung unter UV-Licht eindeutig identifiziert werden.
Titanweiß-Pigment unter dem Mikroskop
Das gleiche gilt für antike Marmorskulpturen: eine wirklich alte Marmorskulptur leuchtet im UV-Licht eher gelb-grün, eine frisch gehauene dagegen violett.

Zur Materialanalyse gehört auch die Untersuchung der verwendeten Pigmente bei Gemälden oder die Analyse des verwendeten Papiers bei Grafiken. Wenn beispielsweise bei einem Bild (Öl auf Karton) von Alexej Jawlensky, das auf 1908 datiert ist, Titanweiß gefunden wird, welches in Deutschland erst ab 1924 hergestellt wird, dann ist die Authentizität dieses Werkes eher unwahrscheinlich.

2) Untersuchung technologischer Merkmale
Bei dieser Untersuchung wird überprüft, ob das Objekt mit früher üblichen oder modernen Arbeitsverfahren hergestellt wurde. Bei einer vermeintlichen gotischen Madonna aus Holz zeigte das Röntgenbild im Inneren industriell gefertigte Nägel aus dem 19. Jahrhundert. Ein später Entstehungszeitpunkt war somit gesichert und die Skulptur als Fälschung enttarnt.
Vermeer Fälschung: “Jesus nimmt die Ehebrecherin an” von Han Van Meegeren, ca. 1941-42
3) Analyse des Alterungsprozesses
Der Einfallsreichtum der Fälscher beim Imitieren von Alterungsprozessen ist groß. So verwendete beispielsweise der Vermeer-Fälscher Han van Meegeren ausschließlich Gemälde aus dem 17. Jahrhundert als Malunterlage. Er befreite die Leinwand mit Bimsstein und Wasser vor der ursprünglichen Bemalung, wobei er die Grundierung bewahrte. Erst darauf malte er seine Vermeer-Nachschöpfungen, welche durch temperieren und rollen alt erscheinen. Besonderes Augenmerk wird daher bei Gemälden bei der Analyse des Alterungsprozesses auf das Bindemittel gelegt, das häufig Aufschluss über den Entstehungszeitpunkt gibt. Bei Plastiken ist es oft die Patina, die das Alter
verrät. Unter dem Rasterelektronenmikroskop erscheinen bei der natürlich gealterten Patina ausgeprägte Kristallformen von Kupferoxid. Die von Fälschern meist durch Säure erzeugte künstliche Patina hingegen entpuppt sich als ein von Säure zerfressenes Metall ohne Kristallbildung.
Angeblich antike Terracotta Skulpturen
4) Die absolute Altersbestimmung mit Hilfe der Thermoluminiszenz-Analyse
Anhand des radioaktiven Zerfalls kann das absolute Alter eines Objektes bestimmt werden. Besonders geeignet ist diese Analyse für die Altersbestimmung von Keramiken, da der Zeitpunkt des Brennens bestimmt werden kann. Durch das Brennen wird die im Ton gespeicherte Radioaktivität auf Null reduziert. Im Laufe der Zeit nimmt das Objekt wieder Radioaktivität auf. Wenn dann der Ton im Labor auf ca. 500 Grad erhitzt wird, tritt die Radioaktivität als Lichtenergie wieder aus. Anhand der Temperatur, der Intensität und des Spektrums kann das Alter der Keramik zurück gerechnet werden.

Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Untersuchungen

Eine Vorraussetzung haben alle diese Untersuchungsmethoden gemeinsam: Sie basieren auf der Frage nach dem Alter des Objektes. Wie jedoch können naturwissenschaftliche Analysen bei der Frage nach Meister oder Schüler helfen oder bei der Echtheitsbestimmung von zeitgenössischer Kunst? Hier stoßen die naturwissenschaftlichen Untersuchungsmethoden an ihre Grenzen.

Eine Altersanalyse ist nicht aussagekräftig, wenn geklärt werden soll, ob das Werk von der Hand des Meisters oder des Schülers stammt, da beide zeitgleich mit den gleichen Materialien gearbeitet haben. In diesem Fall handelt es sich auch nicht um die Frage ob Fälschung oder Original, sondern „nur“ um die Urheberschaft, die jedoch einen großen Einfluss auf den aktuellen Marktwert eines Bildes hat wie der Fall Rembrandt zeigt. Dass die Frage nach der Urheberschaft zu Zeiten der Entstehung etwas anders beurteilt wurde, zeigt ein Erlass von 1651 aus Utrecht. Darin wurde es dem Meister verboten, „eine Person als Schüler oder Mitarbeiter in der Werkstatt anzustellen, die in einem anderen Stil arbeiten oder mit ihrem eigenen Namen signieren“.
Rembrandt: Die Anatomie des Dr. Tulp, Öl auf Leinwand, 1632.
Das Rembrandt Research Project (Amsterdam), das es sich zu Aufgabe gemacht hat, das Oeuvre Rembrandts von dem seiner Werkstatt zu trennen, kann dennoch auch naturwissenschaftliche Untersuchungsmethoden zu rate ziehen. Mit Hilfe der Autoradiographie können beispielsweise Vorzeichnungen erkannt werden oder die Röntgenstrahlen lassen die Pinselführung und die Arbeitsweise des Künstlers detailliert erkennen. Denn auch wenn das Ergebnis täuschend ähnlich sieht, so ist es nicht einmal den hervorragenden Schülern von Rembrandt gelungen, die Arbeitsweise
des Meisters im Detail zu kopieren. Jeder Künstler trägt Farbe unterschiedlich auf. Die Röntgenstrahlen reduzieren nun den Pinselstrich auf ein bestimmtes Muster, indem das Blei des Bleiweißes anders dargestellt wird wie das Kobalt des Kobaltblaus. Das zugrunde liegende Muster ist einzigartig und kann als eindeutiges Merkmal angesehen werden. Natürlich ist auch hier Vorsicht angebracht, da es sich nicht um eine unumstößliche Regel handelt, sondern um Hinweise auf die Urheberschaft. Nicht nur fordern unterschiedliche Themenstellungen unterschiedliche Vorgehensweisen des Künstlers, auch entwickelt und verändert sich die Arbeitsweise eines Künstlers im Laufe der Jahre.

Ähnlich verhält es sich bei der Echtheitsbestimmung von Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts. Hier ist in erster Linie der kunsthistorische Experte gefragt. Sein geschultes Auge, seine Erfahrung und sein Wissen zu dem Künstler ermöglichen eine Aussage über die Authentizität eines Werkes. Mehr zum Thema Expertenmeinungen und Expertise erfahren Sie in einem unserer nachfolgenden Newsletter.

Ganz nutzlos sind naturwissenschaftliche Untersuchungsmethoden jedoch auch im 20. Jahrhundert nicht. Hier beruht die Analyse mit Hilfe von Röntgenstrahlen – wie bei der Frage nach Schüler oder Meister - eher auf dem einzigartigen Pinselstrich des Künstlers. Ein besonderer Fall ist die Fraktalanalyse der Gemälde von Jackson Pollock, die der amerikanische Physiker und Kunsttheoretiker Richard Taylor 1999 durchgeführt hat.
Vergleich des Gemäldes "Autumn Rhythm: Number 30, 1950" (rechts) mit seiner rein schwarzen Schicht
Seiner Theorie nach sind die Gemälde von Pollock fraktal, d.h. sie bestehen aus bestimmten geometrischen Mustern, z.B. aus mehreren verkleinerten Kopien seiner selbst (ein häufig in der Natur zu findendes Phänomen, siehe Brokkoli). Die von Taylor untersuchten Pollock Bilder hatten alle das gleiche Muster und die gleiche Fraktale Dimension (d.h. die gleiche Dichte im Verhältnis von bemalter Fläche und freier Fläche).
Ist das nun nur eine nette Theorie, die die Aussage von Pollock unterstützt, er könne kontrollieren wie die Farbe fließen, dabei gäbe es keinen Zufall? Oder kann ein spezifisches Muster fraktaler Geometrie eine Aussage über die Echtheit eines Gemäldes leisten?
Letztes Frühjahr sind überraschend 32 bisher unbekannte Originale von Jackson Pollock aufgetaucht. Der Sohn von Freunden Pollocks, Alex Matter, hat sie in der Hinterlassenschaft seiner Eltern gefunden und der Pollock-Expertin, Ellen Landau, gezeigt, die gerade eine Ausstellung zum 50. Todestag Pollocks vorbereitet. Sie hält dieArbeiten für echt. Andere Pollock-Experten, wie der Verfasser des Werkverzeichnisses des Malers, Francis Ford, erheben heftigen Widerspruch. Neben der großen Anzahl an Werken ist der Malgrund ungewöhnlich. Die Bilder sind eindeutig im Stile Pollocks gemalt, jedoch auf Pappe, statt auf der sonst von ihm verwendeten Leinwand. Pappe war das bevorzugte Material der Mutter von Alex Matter, der Malerin Mercedes Matter. Hat sie mit Pollocks Stil experimentiert oder hat Pollock bei den häufigen Besuchen, das dort vorhandene Material verwendet? Taylor hat 6 der Bilder seiner Fraktalanalyse unterzogen. Bei keinem dieser Bilder wurde das spezifische Muster gefunden, das er bei den von ihm zuvor untersuchten Pollock Bildern identifiziert hat. Auch andere von ihm untersuchten Pollock Imitationen hatte dieses spezifische Muster. Zu einer Aussage über die Authentizität der Bilder wollte Taylor sich jedoch nicht hinreißen lassen: die „isolierten Resultate“ dienen nicht als alleinige Zeugenschaft. So sind wieder die Experten gefragt diesen Fall zu entscheiden.

Links:
Forschungslabor Rathgen: www.smb.spk-berlin.de/fw/rf/" www.smb.spk-berlin.de/fw/rf/
Rembrandt Reseach Project: www.rembrandtresearchproject.org
Fraktalanalyse von R. Taylor: www.physics.hku.hk/~tboyce/ap/topics/pollock.html