Ein Überblick von Eike Dehn, Restaurator, und Sandro Weiss, Journalist, info@k3-artservices.de
Der aus dem Griechischen stammende Begriff „graphein“ (schreiben) bezeichnet nicht nur ein- bzw. mehrfarbige „Flächenkunst auf Papier“, sondern auch jedes einzelne bedruckte oder gezeichnete Blatt Papier. Wie die Malerei, bei der ein Künstler mittels Farbe in einem schöpferisch-gestalterischen Vorgang ein Gemälde kreiert und erschafft, gehört die Grafik, wie die Architektur, die Plastik, das Kunstgewerbe bzw. das Kunsthandwerk zur Gattung der bildenden Künste. Die einzelnen Blätter (Grafiken) werden entweder durch den Künstler selbst als Bleistift-, Kohle-, Kreide-, Rötel-, Feder-, Pastell- oder Tuschzeichnung angefertigt, oder unter Verwendung bestimmter Vervielfältigungstechniken durch Druckplatten oder -stöcken aus Holz, Metall, Linoleum oder Stein hergestellt und vervielfältigt. Die Abzüge nennt man dann Druckgrafiken. Ihre Wirkung erzielen sie aus dem Hell-Dunkel-Kontrast zwischen dem freigelassenen Grund der Blattfläche und der Zeichnung selbst.
Die Zeichnung
Leonardo da Vinci, Angebliches Selbstporträt, Rötelzeichnung, 1512 Als eine der ältesten Kunsttechniken war das Zeichnen – das Wesentliche einer Form auf seine Linien zu reduzieren – bis zum Ausgang des Mittelalters zumeist rein Zweck gebunden. Als „Fingerübung“ gehörte es ebenso zur Ausbildung eines jeden Künstlers wie das Experimentieren mit unterschiedlichsten Werkstoffen und Techniken. Zeichnungen sowie Ideen- und Kompositionsskizzen, aber auch ganze Entwürfe wurden nur als Vorstufen zu den eigentlichen Gemälden und bildhauerischen Werken erachtet. Sie dienten als Gedächtnisstützen oder Arbeitsgrundlagen für Künstler. Zeichnungen wurden erst allmählich von der Fotografie („Schreiben mit Licht“) als wichtigstes Abbildungsmittel abgelöst.
Als eigenständige Kunstgattung wurden die Zeichnung daher erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts angesehen und somit auch als eigenständiges Kunstwerk anerkannt.
Die Druckgrafik und ihre Techniken
Neben den Original-Zeichnungen der Künstler kamen aber schon im 16. Jahrhundert Reproduktionen durch verschiedenste Vervielfältigungstechniken auf. Der Begriff Original bezieht sich dabei auf ein selbstständiges Kunstwerk von dem mehrere Exemplare existieren. Die Grenzen zwischen Kopien und Originalen wurden immer durchlässiger, da Sammler, aber auch die Künstler selbst ihre Zeichnungen und Gemälde von (Kupfer-) Stechern und Radierern reproduzieren und vervielfältigen ließen. Im 19. Jahrhundert bediente man sich der neu entwickelten Lithographie (Steindruck), die später durch die unterschiedlichsten fotomechanischen Reproduktionsverfahren ergänzt wurde.
Albrecht Dürer, Die Apokalypse. Vision der sieben Leuchter, Holzschnitt, um 1498 I. Der Holzschnitt
Die älteste Technik der vervielfältigenden Druckgrafik ist die sog. Xylographie (Griechisch Xylos „Holz“ und graphein „schreiben“) oder der Holzschnitt genannt. Dieses Hochdruckverfahren verdankt seine weite Verbreitung der neu aufgekommenen Papierherstellung. Der neue Werkstoff hatte seit dem 13. Jahrhundert das teure Pergament abzulösen begonnen. Auf einen etwa zwei bis vier Zentimeter starken Holzblock wird eine Zeichnung Seiten verkehrt übertragen und mit einem Messer ausgekerbt. Die erhaben gebliebenen Stege werden mit Druckfarbe gefärbt und übertragen das Abbild nun wiederum seitenrichtig auf das Papier. Um 1400 entstanden durch diese Technik die ersten Einblattdrucke. Albrecht Dürer (1471–1528) war in Deutschland einer der ersten großen Künstlerpersönlichkeiten, der die Bedeutung der Druckgrafik erkannte und ihre Möglichkeiten für sich
zu nutzen verstand. So verlegte und vertrieb er seine Kunstblätter sogar in einem eigenen Verlag. Durch die Begeisterung der Expressionisten für diese Technik erlebte der Holzschnitt im 20. Jahrhundert einen neuen Höhepunkt.
François Boucher, Les amans surprise, Kupferstich, 1755 II. Der Kupferstich
Erlaubte der Holzschnitt nur die grobe Unterscheidung zwischen Schwarz und Weiß, konnten durch den Kupferstich fast alle Töne stufenlos zwischen zartestem Grau und tiefstem Schwarz erzielt werden. Das älteste Blatt, dass in dieser Technik gedruckt wurde, stammt aus dem Jahre 1446. Die Chalkographie (Griechisch chalkos "Kupfer", und graphein "schreiben"), wie das in oberrheinischen Goldschmiede-Werkstätten entwickelte Tiefdruckverfahren manchmal auch genannt wird, diente zunächst wohl der billigen Massenproduktion von Spielkarten, bezeichnet aber auch gleichzeitig die damit hergestellte Grafik. In eine polierte Kupferplatte wird mittels verschiedenster Stichel/Grabstichel und Hohleisen die Zeichnung eingeritzt. Danach wird die gesamte
Platte eingefärbt und abgewischt, wobei die Farbe in die Vertiefungen bzw. Gravurrillen eindringt. Gedruckt wird die Grafik dann auf einer Kupferstichpresse.
Yoshitomo Nara, Ohne Titel, Radierung, 2002 III. Die Radierung
Seit dem 16. Jahrhundert ist diese Sonderform des Kupferstichs bekannt, die auch in der zeitgenössischen Kunst wieder reges Interesse als künstlerisches Ausdrucksmittel erfährt.
Eine Zeichnung wird Seiten verkehrt auf eine mit säurefestem Ätzgrund, zumeist einer Harz-, Wachs- oder Asphaltschicht bedeckte Kupferplatte mit einer spitzen Radiernadel geritzt. Danach wird die Kupferplatte einem Säurebad ausgesetzt. In die so geätzten Vertiefungen kann Farbe wie beim Kupferstich eingebracht und das Papier anschließend in einer Presse bedruckt werden.
Francisco de Goya, Aus: Los Caprichos, Aquatinta, 1799 IV. Die Aquatinta
Eine besondere Art der Radierung wurde gegen 1760 von J. B. Leprince in Frankreich erfunden. Mit ihrer Hilfe konnten wesentlich feinere Tonabstufungen und damit neue malerische Wirkungen erzielt werden, womit sich beispielsweise für F. Goya (1746 – 1828) ganz neue künstlerische Möglichkeiten erschlossen.
Anstatt der Harz-, Wachs- oder Asphaltschichten wurde auf die Kupferplatten für den Druck nun eine säurebeständige Schicht aus Kolophoniumstaub unter Hitzeeinwirkung aufgeschmolzen. Die Säure konnte nun nur noch in die kleinsten Zwischenräume der Staubpartikel eindringen, so die Druckplatte ätzen und für die Farbe aufnahmefähig machen.
Als eine Technik mit der Möglichkeit der flächigen Farbgestaltung, feiner Farbnuancierung, filigraner Linienführung und dennoch eigenem grafischen Charakter fasziniert die Aquatinta gerade wieder junge Künstler.
Chromolitographie "Glasmalerei" aus Meyers Konservationslexikon (4. Auflage), 1885-90 V. Die Lithographie
Eine weitere Technik der künstlerischen Grafik und gewerblichen Reproduktion stellt der sogenannte Steindruck (aus dem griechischen lithos „Stein“ und graphein „schreiben“) dar, den Alois Senefelder 1798 in München erfand. Besonders in der Buchillustration machte dieses neue Verfahren Furore.
Die zu druckende Zeichnung wird mit einer fetthaltigen Substanz (z. B. Lithokreide oder -tusche) auf den speziell zubereiteten (geschliffenen, gekörnten und entfetteten) feinporigen Kalkstein aufgebracht. Um die fetthaltige Zeichnung auf dem Stein zu stabilisieren und die nicht zu druckenden Partien für die Farbe unempfindlich zu machen, wird der Stein mit Talk überwischt, welcher es der nachfolgend aufgetragenen Ätze (meist eine Mischung aus Gummi Arabicum und Salpetersäure) ermöglicht, in alle freien Stellen zu gelangen. Diese
reagiert nun mit dem Fettgrund der Zeichnung und stabilisiert diesen im Stein. Anschließend wird der Stein mit Gummi Arabicum überzogen, welches sodann von der Zeichnung herunter poliert wird, jedoch an den unbezeichneten Stellen im Stein verbleibt. Ist der Stein getrocknet, wird die Farbe mit einem Lösungsmittel (Terpentin o. ä.) ausgewaschen, so dass auf dem Stein die Zeichnung nur noch als Fettgrund zurückbleibt, auf die die ebenfalls fetthaltige Druckerfarbe aufgetragen wird. Die Zeichnung stößt das Wasser ab (ist also hydrophob) und bindet die Farbe (ist lipophil), während der Stein das Wasser durch die in ihm abgelagerten Gummireste hält und deswegen keine Farbe annimmt. Nach dem Auftragen der fetthaltigen Druckfarbe kann man nun das zu bedruckende Blatt Papier auflegen und durch Druck die Farbe vom Stein auf das Papier übertragen.
Bei der Chromolithographie können sogar mehrer Farben gleichzeitig gedruckt werden. Wie bei allen direkten druckgrafischen Techniken entsteht so ein spiegelbildlicher Abdruck der Zeichnung. Der spiegelbildliche Abdruck kann durch eine spezielle Technik vermieden werden: Zur Übertragung der Zeichnung auf den Stein wird dabei ein spezielles Papier verwendet. Auf diesem erfolgt die Zeichnung mit lithografischer Kreide oder Tusche auf dem Papier und wird anschließend auf den Stein übertragen. Diese Technik wird auch Papierlithografie oder Autografie genannt. In der Wissenschaft von den grafischen Techniken gibt es Vertreter, die die Umdruck-Lithografie bereits als Grenzfall der Originalgrafik ansehen. Viele Künstler haben sich jedoch des Umdruckpapiers bedient, neben Daumier und Toulouse-Lautrec auch Nolde, Barlach, Matisse und Kokoschka. Diese Technik hat allerdings einen Qualitätsverlust im Druckbild zur Folge.
Im Gegensatz zum Hoch- oder Tiefdruck- handelt es sich bei der „Lithographie“ um ein Flachdruckverfahren, da in die Steinplatten weder Vertiefungen für die Farbe geätzt oder geschnitten, noch mit Schnittwerkzeugen Erhebungen aus ihnen herausgestemmt werden; Druckfarbe und Druckstock liegen vielmehr auf einer Ebene.
Henri de Toulouse-Lautrec, Ambassadeurs Aristide Bruant, Farblithographie, 1892 Zunächst wurde der Steindruck nur für nichtkünstlerische Zwecke wie Text- und Notendruck verwendet. Der Musikverleger André aus Offenbach am Main veranlasste die Verwendung der Lithografie für die Vervielfältigung von bildnerischen Darstellungen. Er leitete damit die Entwicklung der Künstler-Lithografie ein.
Die Lithografie wurde von den damaligen Künstlern schnell aufgegriffen, denn von allen grafischen Verfahren kommt es der "handschriftlichen" Arbeit am nächsten. Weder braucht der Künstler spezielle chemische Kenntnisse (wie bei Radierung oder Aquatinta), noch muss er wie etwa beim Kupferstich mit Werkzeug die Widerstände des Materials überwinden. Darüber hinaus war die Lithografie in Verbindung mit Druckpressen ein wirtschaftliches Massendruckverfahren, das Vervielfältigungen in nahezu unbegrenzter Zahl erlaubte. Die Lithografie wurde daher nicht nur schnell zur autonomen Kunstform, die es dem Maler und Zeichner erlaubte, den ursprünglichen Charakter der Zeichnung zu
bewahren; sie war auch für die Presse in den Zeiten vor der Fotografie ein schnelles Medium, aktuelles Zeitgeschehen bildhaft wiederzugeben. Einer der ersten, der dieses Medium deshalb aufgriff, war Honoré Daumier, der über seine in kritischen Zeitschriften veröffentlichten Karikaturen die politischen Zustände von ca. 1830bis 1872 angriff.
Die Lithografie wurde sehr rasch von der Werbung aufgegriffen. Bedingt durch diese neue, preisgünstige Technik begannen Werbeplakate und Litfasssäulen das Stadtbild zu verändern. Eine führende Rolle für die Entwicklung der frühen Plakate spielten französische Künstler und unter ihnen vor allem Toulouse-Lautrec. Er bevorzugte großformatige Blätter, verbunden mit einer leicht zu handhabenden Kolorierung von wenigen Farbsteinen in Gelb, Rot und Blau, die auch von der Ferne anziehend wirkten.
Der Siegeszug des Plakates erzeugte einen Bedarf an Spezialisten, aus dem sich um die Jahrhundertwende der Beruf des Plakatgestalters und Grafikdesigners entwickelte.
Die Lithografie ist der Vorläufer des heutigen Offsetdrucks, einem weiteren Flachdruck-Verfahren.
Andy Warhol, Mao (aus dem gleichnamigen Portfolio), Siebdruck, 1972 VI. Der Siebdruck
Das Prinzp des Siebdrucks geht auf die Schablonentechnik zurück. Durch die Variationsmöglichkeiten, die Farbintensität und den pastosen Farbauftrag sowie die geringen Herstellungskosten ist der Siebdruck besonders bei Künstlern des 20. Jahrhunderts, wie den Popart-Künstlern Andy Warhol, Roy Lichtenstein und Robert Rauschenberg, beliebt. Vorraussetzung ist ein mit feinmaschigem Netz (z. B. Seide, Polyester oder Metalldrahtgaze) bespannter Druckrahmen, auch das „Sieb“ genannt. Auf dieses Sieb wird eine Schablone entweder manuell
gezeichnet oder fotomechanisch aufgetragen. Bei der manuellen Herstellung der Schablone wird das Sieb mit einem wasserlöslichen Leim bestrichen. Die Bereiche, die drucken sollen, werden wieder ausgewaschen. Die anderen Bereiche werden druckundruchlässig gemacht, z.B. bei der Schnittschablone durch aufgeklebte Papier- oder Folienformen. Für den Druckvorgang wird nun der Druckträger, in der Regel das Papier, unter das Sieb gelegt, die Farbe außerhalb des Motivs auf das Sieb gegossen, mit dem Rakel über das Sieb verteilt und dann mit dem Rakel durch das Sieb auf das Papier gepresst. In den meisten Druckwerkstätten wird jedoch der Druckvorgang (mit eine halb- oder vollautomatischen Flachbettpresse oder einem Rotationssiebdruck etc.) maschinell nach dem gleichen Prinzip durchgeführt.
Besonderheiten der Druckgrafik
Pablo Picasso, Le Repas Frugal, Radierung (Abzug von der unverstählten Platte), 1904 Abzug und Auflage
„Abzug“ nennt man jedes Blatt, das durch einen Druckprozess entstanden ist. Die Gesamtzahl aller Abzüge von einem Druckstock nennt man „Auflage“. Die Anzahl der Abzüge ist u. a. ausschlaggebend für den Preis bzw. den Wert. Meist gilt: Je höher die Auflage, desto niedriger ihr Preis. Jedoch muss auch der Marktwert des Künstlers, die Größe und Technik sowie die Beliebtheit des Motives berücksichtigt werden. Der Künstler bestimmt selbst, wie hoch die jeweilige Auflage seines Werkes ist und vermerkt auf dem jeweiligen Blatt die Auflagenhöhe und die Nummer des Abzugs. Eine besonders niedrige
Auflagenzahl bei einem Kupferstich garantiert nur einen höheren Wert, wenn eine unverstählte Kupferplatte mit einer Kaltnadel-Radierung bearbeitet wurde, da diese für eine große Anzahl von Drucken vom Material her schon nicht geeignet ist.
Pablo Picasso, Le Repas Frugal, Radierung (Abzug von der verstählten Platte), 1904-1913 Aber auch bei der Höhe der Auflage gibt es Einschränkungen, denen der Künstler unterworfen ist. Beispielsweise ist der Werkstoff Kupfer durch seine Weichheit und der daraus resultierenden schnellen Abnutzung der Druckform nicht dazu geeignet, besonders hohe Stückzahlen zu drucken. Dies wird heutzutage durch eine so genannte „Verstählung“ der Druckplatte ausgeglichen. Durch die Verstählung gehen jedoch häufig die feinen Zwischentöne und Schattierungen verlohren. Durch die Seltenheit und die feine Druckqualität sind die Abzüge der unverstählten Platte bei Sammlern, wie hier bei Picassos "Le Repas frugal" auch deutlich gesuchter und teuerer. So wurde ein hervorragender Abzug dieser Radierung 2004 bei Christie's London für über $ 1.Mio zugeschlagen, wohingegen die reguläre Auflage oft nur ein Fünftel dieses Wertes erzielt.
Yoshitomo Nara, Green Eye, Farbaquatinta mit Radierung, 2002 Unterschrift und Nummerierung
Hat ein Künstler seinen Druck handsigniert, handelt es sich um eine Original-Druckgrafik. Der Künstler schnitt entweder den Druckstock selbst oder war an der Herstellung der Druckplatte weit gehend beteiligt bzw. hat sie überwacht. Diese – zumeist limitierten - Auflagen sind handschriftlich durchnummeriert und nennen auch, durch Querstrich abgetrennt, die Höhe der jeweiligen Auflage. Der Titel wird häufig in der Mitte unterhalb der Darstellung geschrieben.
Es war früher bei hohen Auflagen beispielsweise von Picasso oder Chagall durchaus üblich, dass die Nummerierung nicht vom Künstler selbst, sondern vom Drucker vorgenommen wurde. Die Numemrierung gibt auch keine Auskunft über die Qualität des Abzuges. So ist Blatt 1/100 nicht automatisch 85/100 vorzuziehen. Entscheidend ist immer die tatsächliche Qualität des Abzuges.
Besondere Begriffe der traditionellen Grafik
Einige Drucke tragen neben der üblichen Nummerierung noch weitere Angaben wie „E.A.“, „h.c.“, „AP“. Dieses sind Abzüge außerhalb der regulären Auflage,die ein spezielle Funktion innerhalb der gesamten Auflage erfüllen.
Epreuve d'artiste: Einige Drucke (maximal 10% der Auflage) werden mit "E.A." oder Epreuve d'artiste gekennzeichnet. Dies sind so genannte Künstlerdrucke, die außerhalb der verkauften Auflage vorweg für den Künstler selbst gedruckt werden. Seriös ist es, wenn ein Künstler auch diese Serie nummeriert. Dies geschieht zur Unterscheidung von der normalen Nummerierung in römischen Ziffern, also etwa "E.A./ IV."
hors de commerce: Üblich ist auch die Bezeichnung "h.c." oder "hors de commerce" (=nicht für den Handel). In Großbritannien werden diese Abzüge auch mit "artist's proof" gekennzeichnet.
Probedrucke: Probedrucke sind Zustandsdrucke (auch epreuve d'etat), die während der Arbeit an der Platte entstehen und werden häufig mit P/A (Probeabzug) gekennzeichnet. Der Probeabzug setzt eine weitere Veränderung der Arbeit voraus. Sie können besonders aufschlussreich sein, weil sie Einblick in die Arbeitsweise des Künstlers geben und weil an ihnen die Entstehung des Werkes verfolgt werden kann. Bei den Radierungen Rembrandts sind 7 bis 9 Zustände keine Seltenheit, bei Käthe Kollwitz gibt es Abzüge vom 11. Zustand, bei Picasso kennt man bis zu 30 Zustandsdrucke. Diese Unikate, die oft auch farblich von der späteren Auflage abweichen, werden von Sammlern besonders geschätzt und sind um so begehrter, je älter und berühmter der Künstler ist.
Zuschussabzüge: Zuschussabzüge sind Abzüge, die zusätzlich zur Auflage gedruckt werden, um gegebenenfalls einen fehlerhaften Abzug ersetzen zu können.
Variante: Die Variante gibt es in der farbigen Grafik. So ist bei einer Lithografie in 3 Farben der Druck von einer weiteren, vierten Farbe eine Variante. Die Farbholzschnitte von Ernst Ludwig Kirchner beispielsweise existieren in zahlreichen Varianten. Varianten werden (wie auch die Zustandsdrucke) in den Werkverzeichnissen nachgewiesen.
Remarque-Drucke: Zuweilen machen Künstler am Rande eines Steines oder einer Radierplatte ein Zeichen oder eine Skizze für die Ätzprobe, um die Wirkung der Ätzflüssigkeit kontrollieren zu können. Die Skizze wird in der Regel vor dem Auflagendruck entfernt. Manchmal bleiben diese Remarques jedoch stehen und erscheinen nicht nur auf den Probedrucken, sondern auf allen Abzügen. Diese Abzüge nennt man dann Remarque-Drucke.
Vorzugsdruck: Vorzugsdrucke werden Drucke auf besonders ausgewähltem Papier genannt, die für die normale Auflage nicht verwendet worden ist. Im allgemeinen sind sie römisch nummeriert.
Das Problem für den Sammler: Original oder Reproduktion
Katsushika Hokusai, Die große Welle von Kanagawa, Farbholzschnitt, ca. 1830 Im allgemeinen werden Abzüge, egal wie viele es sein mögen, als Originale betrachtet. Es gilt die Einmaligkeit der künstlerischen Aussage, auch wenn diese durch die verschiedensten Möglichkeiten der Vervielfältigung hergestellt wurden. Die Übergänge jedoch sind fließend: Musste früher der Künstler selbst noch beim Druck mit Hand anlegen, so bedient er sich heute (foto-)mechanischer Verfahren auch als Hilfsmittel künstlerischen Ausdrucks.
Heute gültiger ist deshalb folgende Definition des Begriffs Originalgrafik:
"Bei einer Druckgraphik handelt es sich dann um ein Original, wenn sie die einzig verbindliche Realisierung einer auf die angewandte Technik gerichteten künstlerischen Konzeption ist, wenn das Werk also nicht noch einmal in einer anderen Technik existieren kann."
Eine Reproduktionsgrafik liegt dann vor, wenn von einem fertigen Kunstwerk eines Künstlers auf (foto-)mechanischem Wege Abzüge hergestellt wurden.
Literaturtipps zum Thema Grafik:
Walter Koschatzky: Die Kunst der Graphik, München 1975
Lothar Lang: Der Graphiksammler, Berlin 1979
Rene Hirner (Hsg.): Vom Holzschnitt zum Internet - Die Kunst und die Geschichte der Bildmedien von 1450 bis heute, Ostfildern 1997