Von Lars Klemm, Dipl.-Restaurator (Lager- und Depotverwaltung), info@k3-artservices.de
„Es entspricht der Lebenserfahrung, dass mit der Entstehung eines Brandes jederzeit gerechnet werden muss. Der Umstand, dass in vielen Gebäuden jahrzehntelang kein Brand ausgebrochen ist, beweist nicht, dass keine Gefahr besteht, sondern stellt für die Betroffenen einen Glücksfall dar, mit dessen Ende jederzeit gerechnet werden muss.“
Verwaltungsgericht Gelsenkirchen, 5K 1012/85 v. 14.11.1985
Feuer im Museumsdepot, Nürnberg Dieser Glücksfall war allein in den letzten beiden Jahren für bedeutende Kunstsammlungen beendet. Das gefährliche an Brandkatastrophen ist nicht die Häufigkeit in der sie auftreten, sondern vielmehr die irreversiblen Schäden – bis hin zur Vernichtung des Objektes -, die sie verursachen. Das Thema Brandschutz wird daher in einer Serie von Artikeln in mehreren Newslettern erörtert werden.
Heute rufen wir noch einmal exemplarisch die drei gravierernsten Brandkatastrophen der letzten Jahre im Kunstbereich in Erinnerung. Dabei handelt es sich nicht etwa um ungeschützte Privathäuser, sondern um auf Kulturgüter spezialisierte Einrichtungen, die dem Feuer mit verheerenden Folgen zum Opfer fielen.
London: Der Brand im Lagerhaus
Am 26. Mai 2004 titelte die FAZ: „Feuer im Depot, Die britische Gegenwartskunst in Flammen“ Am 24. Mai 2004 ist in Leyton, im Osten Londons, das Depot einer auf Einlagerung von Kunstwerken spezialisierten Firma in Flammen aufgegangen. Die Firma MOMART zählt neben dem Sammler Charles Saatchi und weiteren bedeutenden Galeristen auch die Tate, die National Gallery oder den Buckingham Palace zu ihren Kunden.
Ausschnitt aus dem Werk "Hell" von den Brüdern Jake und Dinos Chapman. Foto: Andy Butterton/PA In dem Lager verbrannten unersetzliche Kunstwerke der Gegenwartskunst u.a. Werke von Damien Hirst, Sarah Lucas, Tracey Emin und der Chapmann Brüder. So verbrannte beispielsweise das umstrittene Werk "Hell" von Jake und Dinos Chapman, das 2000 eines der Hauptwerke in der Ausstellung "Apocalypse" in der Royal Academie, London, war.
Der Verlust durch den Brand im Lagerhaus wird von Versicherungsspezialisten auf 50 Mio. Britische Pfund beziffert.
Das Momart Art Storage nach dem zweitägigen Brand Obwohl die Brandursache noch nicht genau festgestellt werde konnte - bekannt ist nur, dass der Brand an der Stelle ausgebrochen ist, wo kurz zuvor ein Einbruch stattgefunden hatte - wurde bereits eine Schadensersatzklage von den betroffenen Kunstversicherungen eingereicht. Momart wird darin vorgeworfen, mit der ihr anvertrauten Kunst nachlässig umgegangen zu sein, da sie die Kunstwerke in der Nähe von brennbaren Gütern
gelagert hatte. Laut der Anwaltskanzlei Clyde & Co, London, die einen der Versicherer vertritt, gab es in diesem Gebäudeteil keine Feuermelde- oder Feuerlöschanlage.
Weimar: Die verbrannten Bücher
Im September 2004 fiel die weltberühmte Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar einem Feuer zum Opfer. Von den 120.000 Büchern, die im Stammhaus eingelagert waren, sind 30.000 durch den Brand zerstört worden.
Der brennende Dachstuhl der Anna Amalia Bibliothek Auch hier sind unwiederbringlich kulturgeschichtliche Kunstwerke verloren gegangen, u.a. die einmalige Musikaliensammlung der Herzogin Amalia mit 2.000 Büchern. Der Gesamtschaden wird mit ca. 80 Mio. Euro veranschlagt. Als Brandursache wird hier ein Schwelbrand in den Elektroleitungen vermutet. Der Brand brach im Dachstuhlbereich aus.
Bücher der Anna Amalia Bibliothek nach dem Brand Er zerstörte das Dachgeschoss und in erheblichen Maße auch das zweite Geschoss des Rokkokosaals. Teile, die nicht durch den Brand zerstört wurden, sind durch das Löschwasser beschädigt worden. Zu den Kosten für die Renovierung der Elektro- und Sicherheitssysteme kommen jetzt auch die Kosten für Restaurierung der noch zu rettender Bücher, Ersatzkäufe für zerstörte Bücher und Renovierung des stark beschädigten Gebäudes hinzu.
Nürnberg: Brand im Museumsdepot
Ein Großbrand im Nürnberger Schaudepot des DB-Museums hat am 18.Oktober 2005 unschätzbare Werte der Bahngeschichte vernichtet. Bei dem Brand wurde ein Fünftel der Lok- und Wagensammlung des DB-Museums zerstört.
Der funktionsfähige Nachbau der Adler (1936) vor.... Der materielle Schaden wird auf 40 Mio. Euro geschätzt, historisch lässt sich das Ausmaß aber nicht beziffern. Zu den schwersten Verlusten zählt der originalgetreue Nachbau des Adlers aus dem Jahr 1935, der ersten Lokomotive Deutschlands und der letzten von der Bundesbahn gebauten Dampflok aus dem Jahr 1959. Diese so genannte Baureihe 23. ist damit total ausgestorben. Der Brand stand vermutlich im Zusammenhang mit Reparaturen auf dem Dach.
..und nach dem Brand Die Liste lässt sich leider ständig weiterführen, das jüngste Beispiel ist der Brand im Vosshaus Eutin im Januar diesen Jahres.
Die spektakulären Schadensfälle stellen mehr als deutlich klar: Feuer stellt ein erhöhtes Risiko mit erheblichem Schadenspotential dar.
Aus der Sicht der präventiven Konservierung und der Feuerversicherungen müssen brandschutztechnische und organisatorische Maßnahmen ergriffen werden, um das Risiko großer Schäden durch Feuer zu vermeiden oder zumindest einzudämmen. Es gilt ein Risikobewusstsein zu schaffen und individuelle Risikosituationen zu erkennen. Schwachstellen müssen erst einmal erkannt und dann behoben werden. Oft sind es geringfügige Veränderungen, die eine Gefahr bannen können. Wichtig und sinnvoll ist es daher, effektive und wirtschaftliche Brandschutzkonzepte zu installieren. Deren Einführung und Umsetzung ist für Sammler und Museen existenziell, da es nicht nur materielle Werte sind, die verloren gehen, sondern Kulturgüter. Charles Dupplin, Leiter der Kunst und Privatkunden-Abteilung bei Großbritanniens größte Kunstverischerung Hiscox, bringt es auf den Punkt: „ Ich kann unseren Kunden zwar Geld geben, aber nicht mehr die Kunst, die sie lieben.“
In unseren folgenden Newslettern möchten wir das Thema Brandschutz im Detail etwas näher erläutern. In den nachfolgenden Ausgaben werden folgende Probleme angesprochen:
- Sinn und Unsinn von Löschanlagen im Kunstdepot
- Brandschutz und Sicherheitskonzept. Ein Interessenskonflikt ?
- Was macht ein Feuer so gefährlich? Brand- und Rauchausbreitung.
- Vorbeugende Maßnahmen zum Brandschutz.
- Gefährdungsanalysen und die Organisation von Notfallplänen.
- Nach dem Brand. Über den Umgang mit Kunstwerken im Schadensfall.